Gesunde Praxisführung in der Logopädie & Sprachtherapie: Grundlagen für Gründer*innen
Ein Gastbeitrag von Ina Kimmel
Du überlegst, eine Praxis für Logopädie oder Sprachtherapie zu gründen, oder bist gerade ganz frisch in der Rolle als Inhaber*in? Lass mich raten. Das Thema gesunde Praxisführung ist in deiner Planung bisher wahrscheinlich weniger oder gar nicht vorgekommen.
Das kann verschiedene Gründe haben. Zwischen der Beantragung der IK-Nummer, Website-Erstellung, Praxissoftware installieren und Möbel aufbauen geht es erstmal darum, deine Praxis überhaupt an den Start zu bringen.
In diesem Artikel möchte ich dir Perspektiven anbieten, die du auch jetzt schon beachten kannst, damit du die Weichen für eine ausgeglichene und gesunde Zukunft in deiner Praxis stellst. Was kannst du also tun, um dir das Thema gesunde Praxisführung schon frühzeitig auf die Fahnen zu schreiben, damit du (und dein Team) gar nicht erst ausbrennen?
Rollenklarheit: Du bist plötzlich mehr als „nur” Therapeut*in
Als Praxisinhaber*in hast du auf einmal deutlich mehr Rollen inne als vorher als angestellte*r Therapeut*in. Plötzlich bist du angehende*r Expert*in für Mitarbeiterführung, Marketing, Unternehmertum, Buchhaltung … Die Liste kann lang werden, glaub mir. Mein Tipp für dich: Erlaube dir schon frühzeitig, dir bewusst Zeit für deine Rolle als Unternehmer*in zu nehmen. Und zwar nicht nach Feierabend. Versuche dir z.B. von Beginn an 1–2 Stunden pro Woche für deine Unternehmer*innenrolle zu blocken und betrachte diesen Zeitslot als genauso wichtig wie deine Therapien. Hier kannst du strategische Entscheidungen durchdenken z. B. über eine Kooperation oder eine Stellenanzeige, ohne dabei schon mit einem Fuß im Therapieraum zu sitzen.
Finde deine Rolle als Chef*in
Sehr wahrscheinlich geht es dir wie vielen anderen Inhaber*innen auch: Das Thema Praxisführung war kein Teil deiner Ausbildung oder deines Studiums. Vielleicht hast du ein Gründungsseminar besucht und merkst jetzt: „Stimmt, da ging es eigentlich nur um Zahlen, Daten, Fakten." Mein Tipp: Du darfst anerkennen, dass du als Chef*in noch Newbie bist und deine Rolle noch finden darfst. Versuche dich davon frei zu machen, von Tag 1 an für alles eine Antwort und eine klare Haltung zu haben. Und gleichzeitig: Rollenklarheit kommt nicht automatisch. Frage dich immer wieder: „Welche Chefin oder welcher Chef möchte ich eigentlich sein? Was denke ich, erwarten andere von mir? Und was ist im Kern das, was mich antreibt?" Du kannst dir dafür auch eine eigene Stellenausschreibung schreiben, die zusammenfasst, was für eine Führungskraft du sein möchtest. Diese Visualisierung kann dir helfen, dir deiner neuen Rolle klarer zu werden.
Kenne deine Bedürfnisse
Als Neuling im Praxis-Business ist es deine Superpower, dich selbst so gut es geht zu kennen oder kennenzulernen. Wenn du weißt, wie du tickst und was du brauchst, um zufrieden zu sein, ist das schon mal die halbe Miete. Frage dich zum Beispiel: Liebst du den Austausch mit vielen Menschen zu unterschiedlichsten Themen? Fühlst du dich wohler mit wenigen Menschen, die ähnliche Themen abdecken wie du? Brauchst du innerhalb des Arbeitstages oft deine Ruhe in Form von Bewegung? Brauchst du starke Routinen oder viel Abwechslung, um zufrieden zu sein? Ziehst du Energie aus dem Kontakt mit Kolleg*innen oder brauchst du auch oft Zeit allein? All diese Antworten können ein wichtiger Wegweiser dafür sein, wie du deine Praxis aufbaust und deine Praxisführung gestaltest.
Verabschiede dich von destruktiven Glaubenssätzen und mach dein eigenes Ding
„Als gute*r Chef*in muss ich immer ansprechbar sein.”
„Als gute Führungskraft muss ich für jedes Thema direkt eine Antwort parat haben.”
„Als gute*r Arbeitgeber*in muss ich meinen Mitarbeitenden jeden Wunsch von den Augen ablesen.”
„Als Selbstständige*r arbeite ich halt selbst und ständig.”
„Die Praxis braucht meine permanente Präsenz.”
Wir alle haben in unserer Berufslaufbahn und im Leben schon Erfahrungen mit Führung gemacht. Denke zum Beispiel mal an deinen Anleiter aus deinem Praktikum, deine erste Chefin, deine Dozentin zum Thema Stimme. All diese Personen haben sehr wahrscheinlich dein Bild von Führung geprägt, egal ob im positiven oder negativen Sinne. Wichtig ist: Nun, wo du selbst Inhaber*in bist, kannst du für dich neu definieren, was Führung für dich bedeuten soll und wie du sie gestalten möchtest. Ich weiß, das kann herausfordernd klingen. Es lohnt sich aber, dein Ding zu machen, damit dir der Job als Inhaber*in langfristig Freude macht und dich nicht ausbrennt.
Pflege dein Netzwerk: Praxisführung ist kein Solo-Projekt
Versuche, so früh wie möglich Kontakt zu anderen Inhaber*innen aufzubauen, mit denen du dich austauschen kannst. Die Gefahr in der Zeit der Gründung ist, dass es aufgrund der vielen To-do`s auf einmal sehr ruhig und einsam um dich herum wird. Was früher als Angestellte*r der Austausch mit Kolleg*innen war, fühlt sich jetzt auf einmal anders an. Du bist Chef*in und hast auf dieser Ebene keine Person, die genau nachvollziehen kann, wie das für dich ist. Der Austausch mit anderen Inhaber*innen ist daher Gold wert, denn es gibt nun mal Themen, die du mit deinem eigenen Team nicht besprechen möchtest oder kannst. Frage dich also: Kennst du noch jemanden aus deiner Ausbildung, der/die sich selbstständig gemacht hat? Gibt es in deinem Berufsverband die Möglichkeit zur Vernetzung? Denke dabei nicht nur an Personen aus deiner Gegend. Es spricht sehr viel dafür, dich deutschlandweit zu orientieren. Dank Online-Calls könnt ihr euch ja trotzdem gut vernetzen.
Reflexionsfragen
Zum Abschluss kommen hier 3 Reflexionsfragen, die ich dir als Einstieg in das Thema gesunde Praxisführung mit auf den Weg geben möchte.
- Wenn du gedanklich 2 Jahre in die Zukunft reist: Welche*r Inhaber*in/Führungskraft möchtest du dann sein? Was tust du? Was tust du nicht? Wen hast du um dich herum? Wo bist du? Und was wäre ein erster kleiner Schritt, den du heute schon gehen kannst, um dieses Ziel zu erreichen?
- Wenn du an deine zukünftigen Aufgaben als Inhaber*in denkst: Welche Rollen fallen dir da spontan ein? Schreib dir diese Rollen auf und überlege dir anhand eines Wochen- oder Monatsplans, wann welche Rollen wie viel Raum bekommen sollen. Achte dabei gut darauf, dass auch vermeintliche Nebentätigkeiten, wie die Buchhaltung, zu deiner Arbeitszeit gehören.
- Welche Person aus deinem bisherigen Leben hat dich als Führungskraft positiv beeindruckt und was genau war es, das du dir von ihr/ihm abschauen möchtest? Und an wem möchtest du dich auf gar keinen Fall orientieren? Was sind die No Go´s für deine eigene Führungsrolle?
Ich wünsche dir alles Gute für deinen Start als Praxisinhaber*in!
Über Ina Kimmel

Ina ist systemischer Coach und systemische Organisationsentwicklerin, Logopädin und ehemalige Praxisinhaberin, sowie Gründerin der THERAPIEPAUSE®. In ihrer Arbeit unterstützt sie Praxisinhaber*innen aus der Logopädie, Sprachtherapie, Ergotherapie und Physiotherapie dabei, Klarheit in ihrer Führungsrolle zu gewinnen und die Praxis gesund zu führen, ohne auszubrennen. In ihrem Podcast THERAPIEPAUSE gibt sie regelmäßig Impulse rund um gesunde Praxisführung, Resilienz und zukunftsfähige Zusammenarbeit in der Therapiepraxis.
Hier findest du weitere Infos zu Inas 1:1-Coaching für Praxisinhaber*innen.
Literatur
- Degenkolb-Weyers, S. (2016). Resilienz in therapeutischen Gesundheitsfachberufen: Entwicklung eines Konzeptes zur Resilienzförderung. Springer.
- Drath, K. (2016). Resilienz in der Unternehmensführung: Was Manager und ihre Teams stark macht (2. Aufl.). Haufe.
- Merke, P. (Hrsg.) (2022). New Work in Healthcare: Die neue und andere Arbeitskultur im Gesundheitswesen. Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.
- Rolfe, M. (2022). Positive Psychologie und organisationale Resilienz. Springer.
- Starker, V., Thies, D.-R. & Frommelt, M. (2022). New Work in der Medizin: Wie uns die Utopie gelingen kann! Rossberg Verlag.