Interview mit Andrea Berten – Logopädie-Praxisinhaberin
Andrea Berten hat Eloquendo, eine Logopädie-Praxis in München, als Quereinsteigerin gegründet. Im Interview spricht sie über die Überraschungen beim Praxisstart, den digitalen Praxisalltag und ihren Wunsch an die Logopädie.
TherAkademie: Du bist als Quereinsteigerin in die Logopädie-Praxisgründung gestartet. Was hat dich am meisten überrascht?
Andrea: Ehrlich gesagt war ich überrascht, wie strukturiert der Weg in die Selbstständigkeit eigentlich ist. Das System ist klar definiert: von der Praxiszulassung bis hin zur Erstattung durch die Krankenkassen gab es weniger unvorhersehbare Hürden, als ich erwartet hatte.
Was mich jedoch wirklich beschäftigt, sind die menschlichen und zeitlichen Blockaden im System. Es ist schwer zu vermitteln, dass Absolvent:innen nach ihren Prüfungen oft zwei Monate auf ihre Berufsurkunde warten müssen, während ein riesiger Versorgungsengpass herrscht. Besonders kritisch wird es, wenn jemand durch eine Prüfung fällt: Da keine regulären Nachholtermine vorgesehen sind, müssen diese Menschen im schlimmsten Fall ein ganzes Jahr warten. Das ist ein wertvolles Jahr, in dem sie nicht helfen können… Das darf in unserem Beruf einfach nicht sein.
Ein weiteres Herzens-Thema ist unsere hochqualifizierte Kollegin aus der Ukraine. Sie versucht seit fast vier Jahren, ihre Anerkennung zu bekommen, und wird zwischen Institutionen hin- und hergeschickt. Wir haben hier eine Expertin, die sofort unterstützen möchte, aber durch starre Prozesse ausgebremst wird. Angesichts des Fachkräftemangels ist das fast schon paradox.
Im Praxisalltag hat mich zudem die zunehmende Unverbindlichkeit überrascht. Es raubt allen Beteiligten unglaublich viel Zeit und Nerven, wenn wir über Ausfallrechnungen diskutieren müssen. Diese Gespräche sind für beide Seiten unangenehm und belasten die therapeutische Beziehung; eine Ebene, auf der eigentlich Vertrauen und Herzlichkeit stehen sollten, nicht Bürokratie.
TherAkademie: Welche digitalen Tools haben sich bei euch wirklich bewährt? Die Tools, die euch echte Arbeit abnehmen?
Andrea: Wir lieben Lösungen, die uns den Rücken freihalten, damit wir mehr Zeit für die Menschen bei uns haben. Das fängt für uns bei den Basics an: Mit Slack bleibt unser Team immer in Verbindung – egal, ob jemand gerade remote arbeitet, in einer Kooperation außer Haus ist oder im Therapieraum steht, den man nicht mal eben verlassen kann. Wir nutzen es ganz gezielt für unsere interne Kommunikation und das Aufgabenmanagement.
Unser Praxismanagementsystem ist das digitale Herzstück für alles Formale: Terminbuchung, Verlaufsdokumentation, Therapieberichte und die Abrechnung laufen dort komplett papierlos. Das schafft Klarheit und spart wertvolle Zeit, die wir lieber in die Vorbereitung unserer Einheiten stecken. Alles, was darüber hinaus an Wissen anfällt – von Meeting-Notizen bis hin zu unseren gemeinsamen Prozessen – bündeln wir in Notion. So muss bei uns niemand lange suchen.
Wir sind aber auch kritisch geblieben: Vor kurzem haben wir einen KI-Telefonassistenten getestet, der bei den Menschen, die uns anrufen, nicht gut ankam. Hier zeigen sich die Grenzen der Technologie: Wenn ein Mensch mit einer Sprachbeeinträchtigung auf eine KI trifft, die nur auf „perfekte“ Sprache trainiert ist, schafft das Barrieren statt Nähe.
Was mich aktuell privat begeistert, ist ein smartes Diktiertool. Ich kann es per Tastenkombination in jedem beliebigen Textfeld aktivieren – egal ob in Slack, Notion oder in einer E-Mail. Ich diktiere einfach, und das Tool transkribiert es direkt an Ort und Stelle. Ich glaube fest daran, dass die Stimme die Schnittstelle der Zukunft ist. Wir werden bald immer weniger tippen und viel mehr sprechen und das ist für uns in der Logopädie natürlich ein besonders spannendes Feld!
TherAkademie: Du hast einen Wunsch frei, was sich in der Logopädie ändern soll. Was wäre das?
Andrea: Ich wünsche mir eine einheitliche, offizielle Regelung für Ausfallrechnungen direkt durch die Krankenkassen. Momentan müssen wir das auf individueller Ebene mit den Menschen klären, die zu uns kommen. Das erzeugt oft unnötigen Stress und belastet die wertvolle Beziehung zwischen Therapeut*in und der Person, die unsere Hilfe sucht. Eine klare, übergeordnete Lösung würde hier so viel Druck von den Schultern aller Beteiligten nehmen.
Vielen Dank für das Interview, liebe Andrea!

Andrea ist Gründerin und Geschäftsführerin von Eloquendo. Als Wirtschaftsingenieurin mit über 9 Jahren Erfahrung in Medizintechnik, Digital Health und KI verbindet sie technologische Innovation mit einem klaren Fokus auf den Menschen.
Mit Eloquendo baut sie moderne, digital-gestützte Logopädiepraxen auf, um Versorgung neu zu denken und Therapeut*innen die Bedingungen zu geben, die sie verdienen. Ihr Ziel ist es, Versorgungslücken zu schließen und gleichzeitig Arbeitsplätze zu schaffen, die Wertschätzung, Sinn und persönliches Wachstum vereinen.
Sie steht für klare Führung, eine wertschätzende Unternehmenskultur und den Mut, Verantwortung zu übernehmen, statt auf Veränderung zu warten.