Patient*innen zur Mitarbeit bewegen – Interview mit Laura Grampp

Hallo Laura! In der Logopädie ist der Behandlungserfolg in vielen Fällen zu großen Teilen von der Mitarbeit der Patient*innen abhängig. Trotzdem gelingt es uns häufig nicht, Patient*innen zu gesundem Verhalten oder zur regelmäßigen Durchführung von Übungen zu bewegen. Woran liegt das deines Erachtens?

Aus meiner Sicht liegt das vor allem daran, dass gesundheitsförderliches Verhalten nicht einfach durch Wissen oder gute Absichten entsteht. Auch wenn Patient*innen oder Angehörige verstehen, warum etwas wichtig ist, heißt das nicht automatisch, dass sie es in ihren Alltag integrieren können.

Psychologische Faktoren spielen dabei eine entscheidende Rolle. Motivation ist kein stabiler Zustand, sondern schwankend. Verschiedene Faktoren, wie beispielsweise Stresslevel, Tagesform oder Selbstwirksamkeit, beeinflussen uns und unsere Motivation. Viele Patient*innen und Angehörige erleben (auch in der medizinischen Vorgeschichte) beängstigende Situationen, Unsicherheiten, haben das Gefühl, nicht weiterzukommen oder sind frustriert. Das mindert die Motivation häufig (auch wenn es nicht direkt mit der aktuellen Situation zusammenhängt). 

„Übungen sind nun mal zusätzliche Aufgaben.”

Außerdem müssen wir auch strukturelle und alltagsbezogene Barrieren erkennen: Übungen sind nun mal zusätzliche „Aufgaben“ und ohne eine konkrete Planung der Umsetzung, ohne Verankerung in Routinen oder das Gefühl, dass der Aufwand machbar ist und „etwas bringt“, wird die Motivation zur Durchführung eher gering bleiben.

Und letztlich spielt auch der Beziehungsaspekt eine wesentliche Rolle: Wenn Patient*innen sich gesehen und verstanden fühlen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie aktiv mitarbeiten. Gesundheitscoaching-Elemente wie Beziehungsaufbau, gemeinsame Zielentwicklung, motivierende Gesprächsführung und das Aufbauen von Selbstwirksamkeit sind der Schlüssel, um die Verantwortung schrittweise zu teilen, statt sie einfach zu übertragen.

Wichtig ist für mich: Es liegt (meist) nicht am fehlenden Willen, sondern an nicht beachteten Barrieren, unklarer Ziel-Motivation oder dem Übergang von der Planung in die tatsächliche Umsetzung der Übungen. 

 

Du bietest bei TherAkademie für Sprachtherapeut*innen und Logopäd*innen Fortbildungen zur Gesundheitskommunikation an. Wie bist du dazu gekommen, dich so intensiv mit dem Thema zu beschäftigen?

Ich habe mich bereits während meines Bachelorstudiums in der Logopädie intensiv mit dem Thema beschäftigt. In meinem Praxissemester arbeitete ich auf der Station der Frührehabilitation und Stroke-Unit. Hier sind diätische Maßnahmen Alltag und gleichzeitig immer wieder eine Herausforderung. Ich habe dort immer wieder erlebt, dass Patient*innen diese nicht annehmen.

Diese Situation hat mich damals unglaublich beschäftigt. Ich wollte verstehen, wie man Patient*innen in solchen Momenten besser begleiten kann. Und zwar ohne zusätzliche Materialien, ohne größeren Zeitaufwand und einfach mit dem, was wir „immer dabei haben“. So kam ich letztlich auf unsere Kommunikation.

„Kommunikation ist kein "Nebenschauplatz", sie ist eines unserer stärksten therapeutischen Werkzeuge.”

In meiner Bachelorarbeit habe ich genau das zum Thema gemacht: die Frage, ob und wie die Annahme diätischer Maßnahmen durch Kommunikation unterstützt werden kann. Das Ergebnis war eindeutig: Es macht einen riesigen Unterschied, wie wir etwas ankündigen, erklären und sprachlich einbetten. Die für mich prägendste Erkenntnis: Kommunikation ist kein "Nebenschauplatz", sie ist eines unserer stärksten therapeutischen Werkzeuge. Wir können damit Motivation stärken, Ängste reduzieren und Akzeptanz fördern. Und übrigens können wir auch, wenn wir unbedacht formulieren, das Gegenteil bewirken (also zum Beispiel demotivieren oder den therapeutischen Prozess erschweren). 

Dieses Aha-Erlebnis hat mich nicht mehr losgelassen und ich hatte meine Mission gefunden: Dieses Wissen muss unbedingt in die medizinisch-therapeutische Welt hinausgetragen werden.

Deshalb habe ich mich im Master ganz bewusst für Gesundheitskommunikation entschieden. Dort konnte ich mich mit den Schwerpunkten Gesundheitspsychologie und Kommunikationswissenschaft vertieft auf die interpersonale Kommunikation im therapeutischen und medizinischen Setting spezialisieren. 

Aus dieser Leidenschaft heraus ist schließlich Patientengeflüster entstanden. Ich möchte allen Mitarbeitenden in medizinischen und therapeutischen Berufen zeigen, wie viel Potenzial in guter Gesundheitskommunikation steckt und wie sehr sie unseren Behandlungsprozess unterstützen kann.

 

Inwiefern hat sich deine eigene therapeutische Arbeit verändert, seitdem du dich mit Kommunikation besser auskennst?

Zum einen bin ich deutlich achtsamer und bewusster geworden, was meine Wortwahl und Kommunikationsweise betrifft. Früher habe ich Informationen oft "aus therapeutischer Routine" vermittelt. Heute weiß ich genau, welche Formulierungen stärken, beruhigen oder motivieren können. Und vor allem achte ich deutlich mehr auf Grenzen, die mir mein Gegenüber zeigt. Die beste Kommunikation bringt nämlich nichts, wenn unser Gegenüber diese gerade (aus welchen Gründen auch immer) nicht annehmen kann oder möchte. Deshalb höre ich viel mehr zu und achte vermehrt auf Zeichen meines Gegenübers. Ich habe verstanden, dass Widerstände wertvolle Signale sind. Wenn jemand Übungen nicht macht oder nicht regelmäßig erscheint, frage ich heute viel öfter nach dem Warum. Manchmal entdecke ich nachvollziehbare Gründe (aber auch nicht immer und das ist okay).

„Welche Ziele sind meinem Gegenüber wichtig - und welche mir?”

Zum anderen entscheide ich heute viel mehr mit Patient*innen und Angehörigen gemeinsam. Statt Anweisungen zu geben oder das zu tun, was „mein Gegenüber will“,  gehen wir gemeinsam  Behandlungsschritte durch: Welche Ziele sind meinem Gegenüber wichtig - und welche mir? Was traut sich mir mein Gegenüber zu? Was benötigt es aus therapeutischer Sicht bzw. aus der meines Gegenübers? Dabei erarbeiten wir gemeinsam, wie ich bei dem Weg unterstützen kann. Dieses partnerschaftliche Vorgehen schafft mehr Motivation und ein ganz anderes Vertrauensverhältnis.

Außerdem ist es mir wichtig, Patient*innen für ihre eigenen Fortschritte zu sensibilisieren und ihnen das Gefühl zu geben, wirklich wirksam zu sein.

Und ich denke viel mehr an die Alltagsrealität meiner Patient*innen. Ich zeige nicht nur die Übung, sondern ich unterstütze auch dabei, sie in deinen Alltag zu integrieren. Ich helfe, passende Routinen zu entwickeln, kleine Schritte zu setzen und wir reflektieren regelmäßig gemeinsam, was realistisch ist, was (nicht so) gut geklappt hat und warum.

 

Du hast einen Wunsch frei, was sich in der Logopädie ändern soll. Was wäre das?

Dass Gesundheitscoaching und professionelle Gesundheitskommunikation selbstverständlich in die logopädische Ausbildung und Praxis integriert werden.

Wir als Berufsgruppe müssen uns bewusst machen, wie machtvoll unsere Worte sind. Mit guter Kommunikation wecken wir Motivation, reduzieren Ängste und stärken die Selbstwirksamkeit. Damit beeinflussen wir den Behandlungserfolg nachhaltig. 

Kommunikation muss als zentrales therapeutisches Werkzeug verstanden werden, nicht als "Soft Skill". Nur so können wir Patient*innen fachlich und menschlich noch wirksamer begleiten.

 

Vielen Dank für das Interview, liebe Laura!

Laura Grampp – Sprachtherapeutin, Lehrlogopädin, Gründerin von Patientengeflüster und Dozentin bei TherAkademie

Laura Grampp hat nach ihrem Studium zur Akademischen Sprachtherapeutin entschieden, neben der Arbeit als solche einen Masterabschluss in Gesundheitskommunikation zu absolvieren. Sie gründete Patientengeflüster, denn ihr wurde immer mehr bewusst, wie sehr man die therapeutische Arbeit mit der richtig angewendeten Kommunikation unterstützen kann.

Ihre nächste Fortbildung bei TherAkademie findest du hier.

 

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