Einsatz von Gebärden in der Logopädie bei Sprachentwicklungsstörungen – ein Interview mit Logopädin Frederike Weinelt

Hallo Rike! Bei TherAkademie bietest du eine Fortbildung zur Gebärdensprache im logopädischen Kontext an. Du bezeichnest sie als helfende Hand in der Sprachentwicklung. Welche Vorteile siehst du im Einsatz von Gebärden in der Therapie mit Kindern ohne Hörbeeinträchtigungen?


Die Nutzung von Gebärden birgt viele Vorteile, sowohl für die Patient*innen, als auch für Therapeut*innen. Mit der kontinuierlichen Anwendung von Gebärden im Therapiesetting werden nicht nur neue Wörter besser gelernt und verknüpft, sondern auch das Sprachverständnis gesichert. Viele Gebärden sind nicht arbiträr, das heißt, sie sind nicht willkürlich, so wie ein gesprochenes Wort. 

Nehmen wir zum Beispiel das Wort [Baum]. Dieses Wort ist zuerst ein willkürlich aneinander gereihtes Buchstabenkonstrukt, welches nun mit dem Konzept einer großen Pflanze mit einem dicken Stamm gefüllt werden muss. Gebärden werden präsentiert und dem Gegenüber in den Kopf “gemalt”. Sie ahmen Gegenstände, Handlungen und Dinge oft nach und zeigen das Gesehene. Dies erleichtert besonders Kindern mit Wortschatzdefiziten das Sprachverstehen enorm. 

Außerdem sind Gebärden intuitiv.  Wenn du eine Person fragst, wie es non-verbal “Kochen” darstellen würde, wird die Person in den meisten Fällen eine rührende Bewegung imitieren. Allein durch diese Verknüpfung kann der Patient/die Patientin Wörter besser abrufen und langfristig speichern. 

Die Gebärdensprache hilft in der Therapie auch, Missverständnisse zu umgehen und die Frustrationstoleranz beim Nicht-Verstehen zu verringern. Die Patienten können schon nach kurzer Zeit nach Beginn der Therapie ihre Bedürfnisse äußern, welche einen wichtigen Einfluss auf die Therapeuten-Patienten-Beziehung hat.
Für mich mit am Wichtigsten ist zu sagen, dass die Gebärdensprache in Verbindung mit der Lautsprache viele Sinneskanäle verknüpft. Sowohl taktile (das eigene Ausführen), als auch auditive und visuelle Reize werden ans Gehirn weitergeben und führen dort - wer hätte es gedacht - zur verbesserten Speicherung. 


Viele Eltern haben die Sorge, dass der Einsatz von Gebärden die lautsprachliche Entwicklung hemmen könnte. Als Expert*innen wissen wir, dass das nicht der Fall ist. Doch wie gehst du mit dieser Sorge um? Hast du einen Tipp für Kolleg*innen?


In einem ausführlichen Elterngespräch gehe ich auf diese Sorge ein und zeige den Erziehungsberechtigten die Vorteile auf und erläutere die aktuellen Studien - besonders im Bereich der Baby-Gebärden. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die meisten Erziehungsberechtigten auf die Studienlage mit Babys und Kleinkindern deutlich besser reagieren, als auf Studien mit Kindern. Ich erkläre außerdem, dass die Gebärden als Brücke zur Lautsprache dienen und einen neuen Weg in die Lautsprache darstellen (können). Anschließend bitte ich die Erziehungsberechtigten, dem Ganzen erst einmal eine Chance zu geben und die Gebärden im Alltag einzusetzen. Bereits nach wenigen Wochen merken sie, dass die Nutzung der Gebärden ihren Kindern nicht schadet und die Eltern-Kind-Beziehung sogar verbessert. 


Du bietest auch im Bereich Mutismus Fortbildungen an. Was ist deines Erachtens der wichtigste Punkt in der Logopädie mit Kindern mit Mutismus?


Ich finde, dass die Etablierung des “safe place” eine wahnsinnig große Rolle in der Therapie des Mutismus spielt. Besteht keine ausreichende Patienten-Therapeuten-Beziehung und der Patient fühlt sich in der Therapie nicht sicher und verstanden, wird es sehr schwierig für ihn, seine innere “Barriere” zu überwinden. Ebenfalls wichtig ist die Akzeptanz, welche der Therapeut/die Therapeutin dem Patienten vermitteln sollte. An dieser Stelle würde ich gerne auf das dynamische Selbstbild eingehen, welches besonders Kindern mit Mutismus vermittelt werden sollte. Diese Patienten können NOCH nicht sprechen und strengen sich an, die Blockade zu überwinden. Das sollten wir immer im Hinterkopf behalten. 


Du hast einen Wunsch frei, was sich in der Logopädie ändern soll. Was wäre das?


Ich wünsche mir eine faire Vergütung für uns Therapeut*innen. Nicht nur mehr Stundenlohn, sondern auch bezahlte Gespräche mit Erziehungsberechtigten, Erzieher*innen, Lehrer*innen und anderen Therapeut*innen, sowie eine bezahlte Dokumentationszeit für alle. 


Vielen Dank für das Interview, liebe Rike!


Frederike Weinelt ist staatlich anerkannte Logopädin mit Spezialisierung im Bereich der komplexen Störungsbilder in der kindlichen Sprachentwicklung. Ebenfalls ist sie Fachtherapeutin: Kindersprache - Schwerpunkt Autismus und DortMuT-Therapeutin. Ihre nächste Fortbildung bei TherAkademie kannst du hier buchen.

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