Ursachen von Sprachentwicklungsstörungen sprachtherapeutisch einordnen

„Was haben wir nur falsch gemacht?”

„Ich bin eher der ruhige Typ, vielleicht hab ich zu wenig mit meinem Kind gesprochen.”

„Wir erziehen unser Kind dreisprachig; meine Bekannte meinte schon, dass das eine schlechte Idee ist.”

Ursachen von SES und Schuldgefühle der Eltern einordnen

Eltern suchen nach Ursachen – oft mit großen Schuldgefühlen. Wir wissen Sprachentwicklungsstörungen (SES) entstehen selten durch einen einzelnen Auslöser.

In diesem TherAkademie-Blogartikel werfen wir einen Blick auf:

  • die aktuelle Evidenz zum Thema Ursachen von SES
  • typische Fehler von Sprachtherapeut*innen/Logopäd*innen im Elterngespräch
  • wie es besser gelingt

Aktuelle Evidenz zu Ursachen von SES

Hinweis: Wir beziehen uns in diesem Artikel auf die Ursachen von SES, die nicht im Rahmen einer globalen Entwicklungsverzögerung oder eines Syndroms auftreten. Die Ursachen von SES sind – wenn man die gesamte Gruppe der Kinder mit SES betrachtet – zu komplex, um diese in einem einzelnen Blogartikel zu behandeln.

Multifaktorielles Modell 🔢

SES entstehen in der Regel durch das Zusammenwirken vieler Faktoren: genetische Disposition, neurobiologische Reifung und Umwelteinflüsse. Kein Einzelfaktor erklärt das Gesamtbild.

Genetik 🧬

Familiäre Häufung und populationsbasierte Studien stützen die genetische Disposition in Verbindung mit weiteren Faktoren. Meist liegt eine mehrfache genetische Risikokonstellation vor; selten eine einzige Ursache.

Neurobiologie 🧠

Bei SES bestehen funktionelle Hirnunterschiede, was darauf hindeutet, dass Abweichungen in der Sprachverarbeitung eine Rolle spielen. Das ist eine Frage der Reifung und Vernetzung, nicht von Schädigung.

Umwelt 🧑🧒🧒

Die Umwelt spielt eine eher modulierende Rolle und ist nicht rein ursächlich zu begreifen. Sozioökonomische Belastungen, unbegleitete sehr hohe Bildschirmzeit, reduzierte Interaktionsqualität oder perinatale Faktoren können das Risiko erhöhen und Verläufe verändern. Sie sind für sich genommen selten hinreichend, um eine SES auszulösen, können aber den Verlauf stark beeinflussen.

Typische Fehler in Elterngesprächen

Diese Fehler passieren uns Therapeut*innen besonders häufig im Elterngespräch, entweder aus Unsicherheit oder Unwissen:

Schwammige Formulierungen

„Man weiß nicht so genau, woher das kommt.”

„Daran sind mehrere Faktoren beteiligt.”

Besser:

„Bei der Entstehung einer Sprachentwicklungsstörung gibt es mehrere Bausteine, die zusammenspielen. Die Genetik spielt eine große Rolle. Zwar ist die Sprachentwicklung nicht völlig unabhängig vom Interaktionsverhalten der Eltern, jedoch sind Fehler dabei nie der ausschlaggebende Faktor. Niemand ist schuld. Wir sehen uns gemeinsam an, welche Schritte Ihrem Kind jetzt konkret helfen.”

Vereinfachende Zuschreibungen

„Das kommt vom Tablet.”

„Zweisprachigkeit ist schuld.”

„Lesen Sie Ihrem Kind mehr vor.”

Es liegt nie an einem Faktor, auch wenn die Eltern sich eine einfache Erklärung wünschen. Die implizite Schuldzuweisung kann außerdem Scham und Schuldgefühle auslösen, die für den weiteren Therapieverlauf kontraproduktiv sind.

Besser:

„Bildschirmzeit allein verursacht keine Sprachentwicklungsstörung, kann aber wertvolle gemeinsame Interaktionszeit verdrängen. Entscheidend ist die Balance: Kurze, gemeinsame Nutzung und viel kommunikativer Austausch im Alltag.”

„Mehrsprachigkeit ist trotz hartnäckiger Mythen keine Ursache, sondern eine Ressource. Wir fördern gemeinsam beide Sprachen alltagsnah und abgestimmt auf Ihr Kind.”

➡️ Hier geht es zu unserer nächsten qualitätsgeprüften Fortbildung zum Thema Mehrsprachigkeit in der Kindersprachtherapie.

Fachjargon

„Die Ursachen von SES sind multifaktoriell. Eine genetische Prädisposition in Verbindung mit ungünstigen neurobiologischen Reifungsprozessen und Umweltfaktoren wie sozioökonomischer Belastung hängen hier zusammen.”

Damit wirken wir vielleicht fachlich kompetent, haben unsere eigentliche Aufgabe aber nicht erfüllt.

Besser:

„Es gibt nicht die eine Ursache. Meistens spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Studien zeigen, dass sich Sprachentwicklungsstörungen in Familien häufen – Genetik spielt also mit. Das Gehirn von Kindern mit Sprachentwicklungsstörung verarbeitet Sprache meist anders und kann deswegen nicht so gut herausfiltern, welche Teile der gehörten Sprache es braucht, um Sprache altersgemäß zu erwerben. Wir passen diesen sprachlichen Input entsprechend an, um das Ihrem Kind zu erleichtern.”

Nächste Schritte

Letztendlich führt das Thema Ursachen nicht zum Ziel. Vollständig können wir Eltern ihre Schuldgefühle oft nicht nehmen. In jedem Fall ist der nächste sinnvolle Schritt, ihnen Empfehlungen für die alltagsintegrierte Förderung mitzugeben. Wichtig ist hier, dass die Aufgaben und Impulse nicht überfordern, im Alltag realistisch umsetzbar und möglichst konkret sind.

➡️ Hier findest du unsere nächste Fortbildung zum Thema Late-Talker-Therapie und Elternberatung.

Ideen für die Beratung zur alltagsintegrierten Sprachförderung

  • konkrete Sprachinseln (10-15 Minuten/Tag) mit Thema und fünf Kernwörtern
  • Interaktionsstrategien (z. B. aufgreifen und erweitern) mit Beispielsituationen erarbeiten
  • kindgeleitetes Spiel konkret anleiten
  • dialogisches Vorlesen anleiten

 

Spannende qualitätsgeprüfte TherAkademie-Fortbildungen im Bereich kindliche Sprachentwicklung

Fortbildung Logopädie Diagnostik und Therapie von Aussprachestörungen mit P.O.P.T. (nach A. Fox - Boyer) – Inula Groos - TherAkademie   Fortbildung Logopädie Mehrsprachigkeit in der Kindersprachtherapie – Merve Başer Şimşek - TherAkademie   Fortbildung Logopädie ZOPA® – Zyklisch Orientierter Phonologieansatz - TherAkademie   Fortbildung Logopädie Late Talker – Anamnese, Diagnostik, Therapie und Elternberatung – Dani Cullen - TherAkademie   Fortbildung Logopädie Sprachsprünge – Sinneserlebnisse und Bewegung in der Therapie - TherAkademie   Fortbildung Logopädie Interakto® - TherAkademie   Fortbildung Logopädie "Corrective Feedback" auf dem Prüfstand – Bärbel Koch - TherAkademie   Fortbildung Logopädie GESPENST® - Basiskurs - TherAkademie   Fortbildung Logopädie Musik sinnvoll in der Sprachtherapie einsetzen - TherAkademie

 

 

Zurück zum Blog